Die Präsi­dent­innen

von Werner Schwab
Schauspielhaus
Dauer – ca. 1:25 Std, keine Pause
Premiere
Sa – 22. Okt 22
Allzu gerne würden sie einen Zipfel vom Glück erhaschen und bleiben doch nur die Präsidentinnen ihres Unglücks: die Mindestpensionistinnen Erna und Grete. Erna hat sich der Religion und der Sparsamkeit verschrieben, gießt ihren Kaffee mit Toilettenpapier auf und trägt eine Pelzhaube von der Mülldeponie. Sie sorgt sich um ihren Sohn Herrmann, der dem Alkohol zuspricht und nicht im Traum daran denkt, ihr Enkel zu schenken. Grete, von ihrem Mann für eine Achtzehnjährige verlassen, hat sich ihren Dackel Lydia zur neuen Lebenspartnerin erkoren. Mariedl, die dritte im Bunde, ist Klofrau von Beruf und aus Berufung. Gegen die Verlockungen der Liebe sind sie dennoch nicht gefeit. Erna träumt von einer Liaison mit dem örtlichen Fleischer, dem Wottila Karl, und Grete fantasiert sich eine Zukunft als Gutsherrin mit dem feschen Musikanten Freddy herbei. Mariedl hingegen würde gerne einmal unter dem Jubel einer großen Menge ihre Meisterschaft unter Beweis stellen. Ihre Tagträume arten in eine erbitterte Zimmerschlacht aus, an deren Ende eine der drei auf der Strecke bleibt.

Werner Schwab zündet in seinem längst zum modernen Klassiker avancierten „Fäkaliendrama“ ein komödiantisches Feuerwerk. Seine Präsidentinnen sind Königinnen ihres Leids. Gefangen in ihren Lebenslügen sitzen sie auf einem Vulkan unterdrückter Sehnsüchte und unerfüllter Begierden. „Das sind Leute, die glauben, alles zu wissen, über alle zu bestimmen. Eine Form von Größenwahn“, schrieb Schwab über sein infernalisches Frauen-Trio.
Inszenierung
Mitarbeit Bühne
Mitarbeit Musik
Licht
Dramaturgie

Pressestimmen

Ludwigsburger Kreiszeitung
Arnim Bauer, 24. Okt 22
Amélie Niermeyer gelingt im Stuttgarter Schauspielhaus mit drei fulminanten Darstellerinnen eine packende Inszenierung von „Die Präsidentinnen“.
[…] „Die Präsidentinnen“ sind längst ein Klassiker der neueren Theaterliteratur geworden. Völlig zu Recht werden sie immer mal wieder gerne gespielt, denn mit dem Abflauen der Erregung über die einst als skandalträchtig empfundene Ausdrucksweise sind auch dank pfiffiger Inszenierungen die wahren Werte des Stückes in den Vordergrund gerückt. Am Stuttgarter Staatstheater hat sich nun Amélie Niermeyer mit dem Werk befasst und mit drei großartigen Darstellerinnen seine wahre Substanz beleuchtet. […] Es entfaltet sich ganz leise und heimtückisch ein Sittenbild des Kleinbürgertums. Schonungslos, radikal und ohne Beschönigung. […] Niermeyers Inszenierung arbeitet die toxischen Eigenschaften in Verbindung mit den Lebenslügen der drei Figuren präzise heraus. […] Die drei großartigen Schauspielerinnen steigern ihre Intensität, mit der sie die Rollen ausfüllen, immer weiter, dazu sorgt die Inszenierung dafür, dass das Treiben auf der Bühne immer auf einem schmalen Grat zwischen der Lächerlichkeit der Figuren, einer bösartigen Satire, einem Seelendrama und einfach lustigen Situationen und Dialogen balanciert und so ein Höchstmaß an Spannung sich immer wieder erneuert. Das gelingt nur, weil Anke Schubert, Christiane Roßbach und Celina Rongen sich mit großer Intensität und noch mehr schauspielerischem Potenzial an Spielfreude zu überbieten scheinen. […]
Am Ende […] heftiger Applaus des übrigens schon wieder fast vollen Hauses, völlig verdient für eine tolle, bis ins Detail stimmige Inszenierung und drei hervorragende, alles gebende, fulminante Schauspielerinnen die auf der ganzen Linie überzeugen und so dem Stück das pralle Leben einhauchen.

Stuttgarter Zeitung
Roland Müller, 24. Okt 22
Der Bühnenbildner Christian Schmidt hat das Mobiliar manipuliert. Das hellblaue Sofa, die grüne Standleuchte, das zum Tageslicht strebende Fenster: alles überdimensioniert, zu groß für die Frauen, die nur unter Mühen aufs Sofa kommen, die klettern und springen müssen. Die klamaukige Verzerrung macht aus den Monstern der Sprache kleine, hilflose Kinder, eine Verzwergung, die nicht nur ihrem sozialen, sondern auch ihrem psychischen Status entspricht. Sich groß fühlend, sind sie nur größenwahnsinnig und versuchen, sich mit ihrem von Katholizismus, Kleinbürgertum und Kitschfilmen verseuchten Hilfsvokabular zu wehren gegen den „Lebensschmutz, in dem das Geschlechtliche das ist, was das Menschliche hinaustreibt aus der Welt“. […]
Schon mit der Bühne findet die Regisseurin Amélie Niermeyer die stimmige Mischung aus Nähe und Distanz: Man hat Mitleid mit den „Mindestpensionistinnen“, die einem doch auch Ekel und Abscheu einflößen in dieser „Fäkalkomödie“, die Werner Schwab auf der Suche nach einer Gattung selbst so genannt hat.
[…] Provozieren kann seine „Fäkalkomödie“ heute nicht mehr. Man ist Wüsteres, Härteres gewohnt. Aber sie funktioniert noch, wie Amélie Niermeyer mit ihren Spielerinnen zeigt: Anke Schubert, Christiane Roßbach und Celina Rongen […] beherrschen das „Schwabische“ perfekt, die an den Dialekt angelehnte Kunstsprache des Autors: die Veräußerung, Versachlichung von Gefühlen […]
Das Lachen des Publikums, auf das die „Fäkalkomödie“ auch zielt, erstickt. Und man sieht und hört: Als Stoff für Spielwütige taugen „Die Präsidentinnen“ im Schauspielhaus ebenso wie als Drama einer Sprache, die alles verheert, Bewusstsein, Gefühle, Leben. Das ist heute dann doch nicht anders als vor dreißig Jahren.

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Südwestpresse
Otto Paul Burkhardt, 24. Okt 22
Niermeyer verzichtet auf Schwabs Requisitenplunder. Ihre „Präsidentinnen“ residieren in einer sauber entrümpelten Puppenstube. Fast wie Kasperltheater wirkt das. Die Regie nimmt Schwabs schwarzen Humor auch nicht so gallig. „Das Geschlechtliche ist immer verheerend für die Menschen“: Derlei Kernsätze klingen eher nach Karl Valentin. […] Niermeyers milder Zugriff gibt dem Stück etwas Versöhnliches, lässt den Figuren in allem Elend sowas wie Würde. Zuweilen tönt schräge Live-Blasmusi von Imre Lichtenberger Bozoki dazu. Stark gespielt, lebensweise inszeniert.
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Kultura Extra
Thomas Rothschild, 23. Okt 22
In Stuttgart hat Christian Schmidt […] überdimensionale Möbel auf die Bühne gestellt, die die Schauspielerinnen puppenhaft klein erscheinen lassen. Anke Schubert als Erna und Christiane Roßbach als Grete plagen sich unter bizarren Verrenkungen, die riesige Couch zu erklimmen. Sie dürfen, um in der Sprache des Stücks zu bleiben, die Sau raus lassen. […] Es ist, ganz gegen den Trend der Zeit und des Theaters, kein schmeichelhaftes Bild von Frauen, das dieses „Fäkaliendrama“ entwirft, und die Regie von Amélie Niermeyer übertreibt das Groteske noch. Von Scheiße ist ausgiebig die Rede, von der Kirche, von Religion und von Leberkäs. […] Am Schluss zerstört Mariedl die Illusionen von Erna und Grete. Es endet im dramaturgisch unverzichtbaren mörderischen Chaos. Das ist in Stuttgart nicht alltäglich. Es tut gut, und das Publikum wusste es zu schätzen.
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Online Merker
Alexander Walther, 22. Okt 2022
Die subtile Inszenierung von Amelie Niermeyer leugnet auch ironische Bezüge nicht. [Sie] arbeitet als Regisseurin die unheimlichen Effekte zuletzt mit starker Intensität heraus […]. Das Publikum quittierte diese Premiere mit „Bravo“-Rufen und starkem Schlussapplaus.
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EINBLICK - Interview mit Imre Lichtenberger Bozoki, Komponist bei Die Präsidentinnen

SCHLAGLICHT – Gesellschaftsthemen auf der Bühne

Eine Kooperation von SWR2 mit dem Schauspiel Stuttgart